Basisthema Gesundheit / 3

Gesundheit, 3. Säule der Humaneutik®, Teil 3
Monatsbeitrag September 2021

Reaktionsmuster unseres Körpers

von Beate

Wie unser unbewusst gelebter Alltag sich in unserer Körperform manifestieren und zu chronischen Beschwerden führen kann

Muskeln werden bei jeder Bewegung, die wir ausführen, unwillkürlich angespannt, das heißt, es geschieht von alleine und wir merken es nicht. Vor allem in Belastungssituationen, psychischer oder körperlicher Natur, nehmen wir unsere körperlichen Muskelanspannungen nicht wahr. Thomas Hanna, ein amerikanischer Philosoph und Stressforscher, schreibt in seinem Buch „Beweglich sein, ein Leben lang“, dass Menschen genau definierte angeborene Reflexmuster haben. Das bedeutet, dass wir auf ganz bestimmte Weise muskulär auf Einflüsse von außen reagieren.

Die Handlungsreaktion

Kommt etwas auf uns zu, das wir begrüßen oder uns neugierig macht, aktivieren wir unbewusst alle Muskeln auf der Rückseite unseres Körpers, richten uns auf und gehen freudig auf dieses Ereignis zu. Hanna nennt es das „Startmuster“. Das lernen wir in frühester Kindheit und allen gesund aufwachsenden Kindern ist es gemein, dass sie voller Neugier die Welt um sich herum kennenlernen möchten. Das fördert unsere geistige und körperliche Entwicklung und diese Neugier halten wir im besten Fall unser gesamtes Leben bei.

Die Rückzugsreaktion

Es gibt aber natürlich auch Ereignisse, die uns zurückschrecken und Schutz suchen lassen. Die spontane körperliche Reaktion hierauf ist das Zusammenkrümmen der Vorderseite unseres Körpers, Hanna nennt es das „Stopmuster“. Es ist für das Überleben unbedingt notwendig und gesund, denn es ermöglicht es uns, vor Bedrohungen auszuweichen und uns vor Schlimmem zu bewahren. Diese Rückzugsreaktion kann man genauso bei allen Tieren beobachten. Wie wir nun wissen, aktivieren die beiden Reflexmuster genau die gegenseitige Muskulatur in unserem Körper, entweder vorne oder hinten. Das heißt, wenn eine Körperseite aktiv ist, entspannt sich automatisch die andere Seite und umgekehrt. Und wenn gerade nichts Aufregendes passiert, sind beide Körperseiten entspannt und befinden sich in einem flexiblen, gesunden Gleichgewicht.

Wenn der Körper dauernd reflexartig reagieren muss

Nun wächst ein Kind in sozialen Strukturen auf und „muss erzogen“ werden. Je älter es wird, umso mehr muss es Dinge tun, zu denen es vielleicht keine Lust hat. Das Startmuster wird immer öfter aktiviert, ohne begeisterte Motivation von innen heraus. Der junge Mensch lernt, seine Pflichten zu erledigen, Verantwortung zu übernehmen, sich aufzuraffen, damit er später in dieser Welt bestehen und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Zudem kann es ihm passieren, dass er viele Situationen erlebt, die Angst in ihm auslösen und zur Rückzugsreaktion veranlassen. Das kann durch Schimpfen und Demütigungen der Eltern geschehen oder in der Schule durch Mobbing und Versagensängste. Auch schlimme, traumatische Ereignisse gehören dazu, denn die Sorge, dass sich solch ein Ereignis wiederholt, besteht lange fort.

Die länger- und langfristigen Folgen

Kinder, die viel solchem Stress ausgesetzt sind, zeigen schon früh hängende Schultern, haben oft Bauchweh und Kopfschmerzen, da die muskuläre innere Anspannung die körperlichen Funktionen massiv beeinträchtigt. Aber selbst, wenn die Spannungen nicht so stark sind, dass sie im Kindesalter zu Schmerzen führen, zeigen sie sich früher oder später im Erwachsenenalter. Wenn beide Reaktionsmuster ständig in uns wirken und zu Dauerspannung führen, gerät unser Körper mit der Zeit in eine Fehlhaltung und wird steif, wie man im Volksmund sagt.

Ein einfaches Beispiel

(in der Realität ist es oft viel komplexer)

Wenn wir immer wiederkehrendem negativem Stress ausgesetzt sind, sei es solcher, der von außen auf uns wirkt, oder innerlich durch unsere Sorgen und Gedanken, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Vorderseite dauerhaft anspannt ist. Der Körper hat dann immer die Tendenz, sich nach vorne zusammen zu krümmen, um sich zu schützen. Da wir aber zu Pflicht- und verantwortungsbewussten Menschen erzogen wurden, ignorieren wir unsere Rückzugstendenz und lehnen uns gegen sie auf. Zum Stopmuster kommt das Startmuster hinzu. Da die vordere Muskulatur nicht entspannt loslassen kann, denn die Sorgen sind ja noch da, kann nur durch vermehrte Anspannung der Rückenmuskulatur der Körper aufgerichtet bleiben. Dies alles geschieht unbewusst, denn unser Geist beschäftigt sich nicht mit dem Körper, sondern versucht, mit der Situation klar zu kommen, der wir ausgesetzt sind.

Warum wir gerne auf der Seite schlafen

Da dies ein Dauerzustand ist, den man sogar mit in die Nacht hinein nimmt, vergisst der Körper mit der Zeit, wie er die Muskelspannung wieder loslassen kann. Es ist erstaunlich, wie viele Leute berichten, dass sie auf der Seite schlafen, da ihnen die Rückenlage unbequem ist und Schmerzen verursacht. Die Muskulatur und das sie umhüllende Bindegewebe verhärtet sich allmählich, was es uns letztendlich immer schwieriger macht, eine gerade entspannte Körperhaltung einzunehmen. Außerdem fühlen wir uns in der gekrümmten Seitenlage geschützter, wenn wir aufgrund unserer Erfahrungen dieses Schutzbedürfnis haben.

Ein Teufelskreis

Die dadurch bedingte Schonhaltung und dysfunktionalen Bewegungsmuster führen wiederum an anderen Stellen im Körper zu Fehlspannungen und weiteren Beschwerden im Bewegungsapparat. Aber auch Organe sind davon betroffen, spürbar durch z.B. Verdauungs-, Atem-, oder Herzbeschwerden. Und weiterhin können sich hierdurch die Ängste und die psychischen Probleme verstärken… ein Teufelskreis ist entstanden. Wenn man jetzt, z.B. beim Physiotherapeuten, nur die schmerzenden Muskeln und Gelenke behandeln lässt, ist die spontane Verbesserung oft nur von kurzer Dauer. Da die innere Anspannung weiter bestehen bleibt, kommen die äußeren Beschwerden wieder. Auch der Gang zum Hausarzt, der Medikamente gegen Schmerzen, Verdauungs- oder Herzbeschwerden verschreibt, führt natürlich nicht langfristig zum Erfolg. Ganz im Gegenteil, durch die Nebenwirkungen vieler Medikamente können sich über kurz oder lang weitere behandlungsbedürftige Beschwerden einstellen.

Stressoren

Stress im Alltag lässt sich nicht dauerhaft vermeiden, aber den gesunden Umgang damit können wir lernen. Es gibt „Eustress“, Stress in positivem Sinne. Er bewirkt, dass wir morgens freudig aufstehen und die bevorstehenden Aufgaben mit einer gewissen Leichtigkeit bewältigen. Eustress ist unser Motor, der uns mehr Energie gibt, als er uns nimmt. Oft ist aber das Gegenteil der Fall. Wenn wir zunehmend erschöpft und lustlos sind, dann überwiegt sehr wahrscheinlich der negative Stress, der „Disstress“. Wenn es ein zeitlich absehbarer und erklärbarer Zustand ist, hat dies langfristig keine großen negativen Folgen. Wenn der Zustand vorüber ist, kann man sich entspannen und erholen und unser Körper regeneriert sich. Wenn aber überwiegend Disstress unseren Alltag bestimmt, werden wir unweigerlich krank. Es ist wichtig, dies frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Es ist auch wichtig, dass Eltern und Lehrer dies bei ihren Kindern wahrnehmen und gemeinsam den betroffenen Kindern helfen.

Aber wie kommt man aus dem Teufelskreis heraus?

In erster Linie dadurch, dass man sich seiner eigenen Reaktionsmuster bewusst wird. Dass man seinen Körper und seine Gedanken in vielen Momenten des Tages selbst wahrnimmt. Auch die Glaubenssätze, nach denen man lebt, gilt es zu erkennen, zu hinterfragen und gegebenenfalls aufzulösen. Aber schon, wenn man sich die äußeren Umstände und die Tatsache der inneren Spannungszustände immer wieder bewusst macht, ist man auf dem besten Weg, diese zu ändern. Kleine Möglichkeiten hat man immer, kurze Ruhepausen mit bewusstem Atmen z.B., oder die allabendlichen Nachrichten mit erschreckenden Bildern nicht mehr schauen und stattdessen „Autogenes Training“ oder einen gemütlichen Abendspaziergang machen.

Wenn man selbst noch nicht in der Lage ist, Lösungswege zu finden, gibt es viele Möglichkeiten, sich helfen zu lassen, z.B. durch ein Mentaltraining, in dem im Unterbewusstsein ein anderer Umgang mit Stress auslösenden Situationen trainiert wird.

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Ein Kommentar zu “Basisthema Gesundheit / 3
  1. Korai sagt:

    Danke Beate, das macht Sinn und endet ja auch in zwei Lösungen. In meinem Falle habe ich beides schon probiert und …. ich brauche individuellere Übungen. Dazu zwei Ideen:
    1. Beschreibe doch mal die 9 Glaubensmuster für die Enneagramm-Typen.
    2. Beschreibe doch mal 9 Körperübungen für die 9 Eneagramm-Typen.
    Dann wäre das sehr individuell umsetzbar und es wäre in Resonanz mit unseren Inhalten in der Tiefe der Humaneutik.
    Ich freu mich schon auf Deine Hinweise.
    Und bitte sei vorsichtig, was Du schreibst – ich tue das wirklich!

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